natürlich, saisonal & regional

Der moralisch einwandfreie Weihnachtsbraten

Zwischen Tierschutz verachtender Massentierhaltung und militantem Veganismus

Eigentlich will niemand Tiere leiden sehen und eigentlich will auch niemand Massentierhaltung, ABER…

Es hat schon was von A. Huxleys „Brave new world“ und dem Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ mit dem manche Gesellschafts- und Politikerkreise das augenscheinliche Problem der Massentierhaltung mit einem Übertritt zu vegetarischen bis veganen Ernährungsweise beantwortet sehen wollen. Nicht weniger beeindruckend mit welcher Inbrunst sich die deutschen Massen- bzw. Leitmedien sich an diesem Credo beteiligen: Die ZEIT stufte neulich Brandsätze von militanten Tierschützern als „keine Vollzeitterroristen“ ein, FAZ.net-Leser durften ihre Befindlichkeiten mit einer bürgerlich vegetarischen Weihnacht pflegen und noch nicht einmal vor den ganz Kleinen dieser Gesellschaft wird Halt gemacht: Im KIKA erfuhren die Kinder, dass es sogar vegane Schokoaufstriche gäbe und in 1,2 oder 3 wurde vegetarische Ernährung zur Superdiät erklärt.

Ungeklärt bleibt indessen, was an einer rein veganen Ernährung so besonders gesund und natürlich sein soll, und wie man dazu kommt, sich aufgrund seiner Ernährungsform als besserer Mensch zu fühlen.

„Gegen Massentierhaltung“ geht auch ganz unüberheblich gesünder & natürlicher

Erschreckend Bilder aus der Massentierhaltung können wahrlich den Appetit verderben. Um jedoch hieraus den Totalverzicht auf tierische Lebensmittel als weihnachtliche Heilsbotschaft abzuleiten, ist tief in die argumentative Trickkiste zu greifen. Denn es gibt weit natürlichere Alternativen zur Massentierhaltung und es ist Weihnachten, Friedensfest.

Die einschlägigen Zeitschriften locken seit Monaten mit Bildern festlich gedeckter Tafeln und Weihnachtsbraten samt Rezept. In vielen Familien wird die Tradition gewahrt und auf Bewehrtes zurückgegriffen: Alle Jahre wieder und Weihnachten ist noch nicht einmal vorbei! Doch aktuellen Bilder über die unsäglichen Verhältnisse in einem Mastbetrieb des Ferkelkönigs Straathoff lassen den Festtagsbraten im Halse stecken bleiben. „Das will ich nicht!“ wird manch einer denken, aber was dann?

Wie Report Mainz vergangene Woche berichtete, hatte das Kreisveterinäramt Jerichower Land am 24. November diesen Jahres ein Tierhaltungsverbot gegen den Ferkelzüchter Adrianus Straathoff ausgesprochen. Straathoffs Antrag auf Aussetzung des Vollzuges wurde am 15.12.2014 vom Verwaltungsgericht in Magdeburg abgelehnt: „Die Schweinehaltung sei tierschutzwidrig und verursache bei den Tieren nicht durch kommerzielle Interessen zu rechtfertigende Schmerzen, Leiden und Schäden“, hieß es in der Begründung des Gerichts. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Auch wenn der Betrieb bis zur Rechtskraft der gerichtlichen Entscheidung weitergeht und Straathoff rechtliche Konsequenzen angekündigt hat: Fleisch aus einer derartigen Produktion will kein Mensch.

Dass die Menschen nach den jüngsten Lebensmittelskandalen und Bildern wie den Straathoff-Ferkeln sensibilisiert sind, kann weder verwundern, noch ist es falsch. Aber ob der totale Fleischverzicht – vegetarisch bis vegan -, mithin zur moralischen Heilbotschaft erklärt, eine angemessene Antwort und einzige Alternative zur Massentierhaltung ist, ist fraglich.

„Auch wenn es für den aktuellen Anstieg des Vegetarismus sicher eine Reihe von Gründen gibt, scheint er mir im Kern die falsche Antwort auf die Misere der Massentierhaltung zu sein. Vegetarismus – das ist weniger die Liebe zum Tier, als die tiefgreifende Entfremdung von ihm. Wie mir scheint, werden gerade viele junge Leute aus schierer Ratlosigkeit zu Vegetariern.“

wie der Nahrungsethnologe Professor Marin Trenk von der Goethe Universität in Frankfurt das Problem in einem Interview gegenüber dem Deutschen Jagdverband verortetet.

Der Mensch hat es möglich gemacht

Technischer Fortschritt, eine globalisierte Welt, in der Waren und Lebensmittel jedenfalls für den wohlhabenderen Teil der Welt aus aller Herren Länder jederzeit im Laden beschaffbar sind, scheinen das Halten von Nutztieren oder deren Töten entbehrlich zu machen.

Dem Menschen sei es gedankt und seiner Intelligenz und Entwicklung geschuldet, vom Menschen geschaffen,

  • dass Äcker und Gärten nur noch selten mit Ochs- oder Pferdegespann, sondern mit Traktoren bestellt werden.
  • dass die meisten Menschen in einer arbeitsteiligen Welt ihre Nahrungsmittel in Läden kaufen können.
  • dass landwirtschaftliche Betriebe nicht mehr in überwiegend geschlossenen Kreisläufen wirtschaften müssen, die Mensch und Tier ernähren müssten.
  • dass nicht mehr die Rohstoffe zu Markte getragen werden, sondern hochgradig weiterverarbeitete, verzehrfertige Produkte bestenfalls nur noch kurz in der Mikrowelle gewärmt werden müssen.
  • dass unabhängig von Vegetationsperioden und Bodenbeschaffenheit Rohstoffe aus aller Welt beschafft werden können.
  • dass es der Nahrungsmittelindustrie gelungen ist, Stoffe zu entwickeln, die es erlauben gen Geschmacksneutralität tendierende Rohstoffe Geschmack zu verleihen.
  • dass die Pharmaindustrie Nahrungsergänzungsmittel entwickelt hat, die ernährungsphysiologische Defizite ausgleichen können.
  • dass die Düngemittelindustrie Dünger geschaffen haben, die den tierischen Dünger ersetzen können.
  • Das alles und mehr ist notwendige Voraussetzung, die es dem modernen Menschen erlaubt, sich eine Ernährungsform zuzuwenden, die auf den Fleischgenuss verzichtet oder gar, um den Totalverzicht auf tierische Produkte zu propagieren und die Nutztierhaltung generell abzulehnen.

    Und das bestreiten die Veganer-Verbände auch gar nicht. Die vegane Ernährung, also eine Ernährung unter Totalverzicht von tierischen Produkten ist keine Vollernährung. Das lebenswichtige Vitamin B12 ist in einer rein pflanzlichen Ernährung nicht zu finden und muss künstlich ersetzt und eingenommen werden.
    Die veganen Fleischersatzprodukte geben zu denken. Für deren Konsistenz und Geschmack wird weit in die Wunderkiste der Lebensmittelindustrie gegriffen: Geschmacksverstärker und künstliche Aromen sind bei vielen Produkten nicht die Ausnahme sondern die Regel. Der Weiterverarbeitungsgrad von Tofuwiener, Seitan-Aufschnitt und was es alles gibt, ist überdies kaum zu überbieten, oder wie wird aus einer erbsgroßen, wachsgelben und knochenharten Sojabohne verzehrfertiger Sojaaufschnitt? Da kann sich jede Lyoner vom Fleischfachgeschäft des Vertrauens eine deftige Scheibe abschneiden.
    Der großflächige und monokulturelle Anbau der Hauptrohstoffe für Tofu und Konsorten (vor allem und Weizen) ist kaum weniger umstritten als die Massentierhaltung.

  • Verzichtete man vollständig auf die Fleischersatzprodukte, könnte man von einer Vollernährung nicht weiter entfernt sein.
  • Verzichtete man auf die Fleischersatzprodukte und greift auf deren Rohstoffe zurück, ist man zwar nicht mangelernährt, könnte aber kaum asketischer und mit weniger Genuss essen.
  • Und möchte man die Fleischersatzprodukte aus schonenden Anbau, ohne künstliche Aromen und Geschmacksverstärker – die gibt es, die schmecken gut, ohne Frage – muss sehr tief in den Geldbeutel gegriffen werden.
  • Es scheint dem Zeitgeist dieser Tage zu entsprechen, sein Heil in den Extremen zu suchen, erklärt aber nicht, was daran Natur oder natürlich sein sollte.

    Nur Natur: Von glücklichen Kühen und freilaufenden Wildtieren

    Massentierhaltung ist keineswegs alternativlos. Es geht zudem deutlich natürlicher:

    Es gibt die Nutztierhaltung, in der die Tiere artgerecht gezogen werden und auf grünen Weiden grasen.
    Es gibt die landwirtschaftlichen Betriebe, auf denen der faktisch geschlossene Hofkreislauf praktiziert wird, auf denen das Land Mensch und Tier ernährt, die Tiere über für den Menschen nicht verwertbare Nahrung die Ernährung des Menschen anreichern, denen lange Lebendtransporte quer durch Europa erspart bleiben, weil ihr Fleisch in regionalen Betrieben verarbeitet wird. Auch dieses Fleisch ist ganz einfach in Läden oder an Ständen des Wochenmarktes zu beziehen.

    Es gibt sogar Fleisch, für das gar kein Tier gehalten wird und das gar nichts mit Massentierhaltung oder ökobilanziell intensiver Versorgung zu tun haben kann: Unser heimisches Wild, das in Freiheit lebt, allenfalls in Notzeiten gefüttert wird, keiner Medikamente bedarf, bewegt sich deutlich mehr als jedes Nutztier und Schlachtvieh und wird vorzugsweise regional vermarktet.

    Es mag aus dem verbreiteten Bild des traditionellen Jägers resultieren, dass nun ausgerechnet der Jäger von militanten Veganern als Feindbild auserkoren ist.
    Vielleicht ist es aber auch nur die Entfremdung von Tier und Natur, die den Jäger, der sich nicht wie ein Mitarbeiter eines Schlachthofs anonymisierbar verdrängen lässt, als tötenden Bösewicht erscheinen lassen. Die Jagd, das älteste Handwerk der Welt und die wahre Natur des Menschen aufzeigend, steht im offenen Widerspruch zu der Annahme einer Weltanschauung, die diese verleugnet.

    Das könnte erklären, wie Menschen dazu kommen, sich aufgrund ihrer zur Weltanschauung erhobenen Ernährungsform, in beispielloser sozialer Distinktion, aber darin höchst menschlich, zu ihren Mitmenschen abzugrenzen: Zwar wenig natürlich, geradezu unnatürlich über das Menschliche in eine neue Daseinssphäre der Menschheit den Mitmenschen entwachsen oder wie der Philosoph Alexander Grau es ausdrückt:

    „Im Grunde ist der Veganismus nichts anderes als eine besonders bizarre Mischung aus Wohlstandsdekadenz und Hypermoralismus.“

    Aber es ist doch alles gut: Jeder kann ja, wie er will.
    Außerdem ist Weihnachten, das Friedensfest „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Neben Weihnachtsbraten, Christbaum und Geschenken auch immer Stunden der Besinnung, auch darauf, Toleranz zu üben und die Entscheidung seiner Mitmenschen zu respektieren. Das ist ebenfalls menschlich. Schließlich sind sich die meisten Menschen einig: Wir wollen keine Tiere leiden sehen.