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Wald, Wild und Waldbetriebsbauarten

„Ökonomisches Waldbaugesetz“ statt „Ökologisches Jagdgesetz“: Dieser Tage urteilen in Nordrhein-Westfalen Menschen über das Schicksal unserer heimischen Wildtiere. „Wald vor Wild“ heißt bei manch einem das Gebot der Stunde und ist das Thema „Wald und Wild“ aktueller denn je.

Wer annimmt, bei der aktuellen Diskussion um das neue „ökologische“ Landesjagdgesetz für Nordrhein-Westfalen ginge es um eine Reduktion der Jagd oder gar um eine Ökologisierung derselben, befindet sich im Irrtum. Nicht an einer einzigen Stelle des Gesetzentwurfs oder der diesbezüglichen Stellungnahmen findet sich eine Erklärung, inwieweit dieser Gesetzentwurf den Belangen unseres Wildes zuträglich wäre, was denn ökologisch ist oder wie der Artenschutz getragen wird: Im Gegenteil! Es geht ausschließlich um die menschlichen Bedürfnisse im Zusammenleben mit den Wildtieren und das treibt wahre Blüten.

Soweit es dann um den Wald geht, sind sich jedenfalls Politik, Naturschützer und Waldbesitzer – die privaten, wie der Staat – erstaunlich einig: Vor allem Reh und Rotwild, im Prinzip aber alle Gehörn- und Geweihträger gefährden den Wald: „Nur ein totes Reh, ist auch ein gutes Reh“, den Schädlingen muss endlich der Kampf angesagt werden und die Jäger endlich mehr Reh- und Rotwild erlegen.

Das ist halt so ne Sache mit dem Zusammenleben von Mensch und Wild: Natürlich lassen sich nicht einfach zu schützende landwirtschaftliche Flächen einfach einzäunen. Als nächstes zäunt Mensch dann noch die Wälder ein? Nur wo soll dann unser heimisches Wild noch bleiben? In den Vorgärten, in Gattern oder im Zoo?

Ganz so einfach ist das offensichtlich nicht!

Joachim Orbach aus Waldbröl hat sich anlässlich des „internationalen Jahr der Wälder“ 2011 ausführlich mit dem Thema „Wald, Wild und Waldbetriebsbauarten“ befasst

von Joachim Orbach

Wildtiere in unserer oftmals naturfremden Welt sind auch Mitgeschöpfe und ein Teil unserer Kulturlandschaft und keine Schädlinge. Wo Wald, Wild und Mensch in Einklang gebracht werden sollen, kann die Devise nur „Wald und Wild“ und nicht „Wald vor Wild“ lauten. In der Forstwirtschaft sind Wege zu beschreiten, die unserem Wild noch Lebensgrundlagen zugestehen.

Bei allen Diskussionen um den Wald sollte man zunächst einmal die Worte aus der 9. Auflage „Das Rehwild“ von Ferdinand von Raesfeld, A. H. Neuhaus und Dr. K. Schaich bedenken:

„Wir wurden aber auch – selbst bei sehr kritischer Betrachtung – in unserer Auffassung bestärkt, dass die Forderung „um unseren schönen Wald zu retten, neun von zehn Rehen abzuschießen,“ bösartiger Unsinn ist und schlecht in die bewegten Klagen über die Ausrottung von Wildarten in der Vergangenheit passt.“

Naturnaher Waldbau

Nach Auffassung einiger Forst-Fachleute wird die Möglichkeit nicht ausreichend berücksichtigt, Ruhezonen und Äsungsflächen (einschließlich „Verbisshölzer“ wie zum Beispiel Aspe und Weide) im Wald auszuweisen. In der ethischen Verpflichtung des Menschen gegenüber dem Wild und aus tierschutzrechtlicher Sicht, lässt sich nur dann von „naturnahen Waldbau“ sprechen, wenn dies berücksichtigt wird.
Es müssten genügend Flächen für Ruhezonen und Wildäsungsflächen mit entsprechendem Kräuterangebot und angelegten Weichhölzer als Verbisshölzer bereitgestellt werden. Mit reichem Nahrungsangebot ist es möglich, gesunde wiederkäuende Schalenwildbestände zu bewahren, ohne jedes Stück Schalenwild (in der heutigen Zeit oft auch als verhetzter Knospenfresser bezeichnet), das einem über den Weg läuft, gleich als Schädling erlegen zu müssen.

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Foto: Joachim Orbach

Hier stellt sich schnell die Frage, ob Subventionen – vom Bürger gezahlten Steuergeldern – immer richtig eingesetzt werden? Die beste Wildschadensverhütung ist nach Meinung von Fachleuten eine Äsungsverbesserung im Wald, indem verstreut liegenden Äsungsflächen und Verbiss- und Prosshölzer angelegt bzw. belassen werden. Auch der Niederwald mit seinen nachwachsenden Rohstoff (Brennholz, Umtriebszeit etwa alle 20 bis 30 Jahre – besonders in der heutigen Zeit mit steigenden Energiekosten.) als eine besondere Waldbetriebsart bietet sich an: Er schafft beste Lebensgrundlagen für Flora und Fauna, findet aber in der heutigen Zeit noch zu wenig Beachtung.

Nach der 2. Bundeswaldinventur in den Jahren 2001 bis 2002 beträgt die Waldfläche etwa 11,1 Mio. ha (etwa 31 % der Staatsfläche). Von dieser Fläche sollen etwa 1 % als Niederwald bewirtschaftet werden. In anderen Ländern, wie etwa mit 33 % in Frankreich ist die Ausdehnung weitaus höher.
Dabei wird in manchen Gebieten Deutschlands die Bewirtschaftung des Niederwaldes sogar gefördert, um diese historische Waldnutzung mit stockausschlagfähigen Baumarten, wie zum Beispiel Hainbuche und Eiche und weiterer Vegetation zu erhalten.
Darüberhinaus bringt der Niederwaldwirtschaft auch je nach Region Birke, Vogelkirsche, Elsbeere, Eberesche, Esche, Faulbaum, Feldahorn, Rotbuche, Traubeneiche, Zitterpappel, Weide, Haselnuss, Bergahorn, Wacholder, Holunder, Mehlbeere, Salbei-Germander, Waldziest, Weißwurz, Draht-Schmiele, Rotes Straußgras, Knoblauchsrauke, Perlgras, Scharbockskraut, Maiglöckchen, Zweiblättrige Schattenblume, Pfaffenhütchen, Brombeere, Heidelbeere, Buschwindröschen, Waldheimsimse, Besenginster, Wiesenwachtelweizen, Besenheide, Hain-Rispengras, Gemeiner Frauenfarn, Gemeiner Wurmfarn, Roter Fingerhut, Speierling, Himbeere, Waldweiden- und Bergweidenröschen hervor.

Tier- und Pflanzenarten erhalten

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Foto: Joachim Orbach

Mit dem Niederwald ist nicht nur eine Verbesserung des Äsungsangebots zu erreichen. Der Niederwald trägt auch zum Erhalt von Pflanzenarten und nichtjagdbarer Tierarten bei, die im so genannten „naturnahen Wald“ – Mischwald entsprechender Altersklasse zum Beispiel von Fichten, Eichen und Buchen – vergebens
zu suchen sind. Insbesondere im Altersklassenwald kommt zu wenig Licht an die Gras- und Krautschichten des Waldbodens. Die tatsächlichen Naturwälder mit Wald-Zusammenbruchformen oder Waldbrandflächen, die auch Grundäsung für die pflanzenfressenden Wildarten bieten, zeigen das.

Nur noch ein Relikt vergangener Zeiten?

Die Niederwaldwirtschaft prägte einst das Landschaftsbild und war vorherrschende forstliche Betriebsart, die kaum der forstlichen Pflege bedurfte. Brennholz war gefragt. Die Rinde der Eiche für Lohgerbereien wurde bis in die 1960er Jahre genutzt; die entrindeten Eichenstangen für die Kohlenmeiler benötigt.
Heute kommt der Niederwald als ein Relikt früher Zeiten wie demnächst auch die klassische bäuerliche Landwirtschaft nur noch selten vor. In großen Flächen fiel der Niederwald dem Nutzungsgedanken zum Opfer: Durch ökologisch bedenkliche Aufforstungen oder durch Überführung in Hochwald.
Aus der Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes ist es nicht nur wünschenswert, sondern auch
erforderlich die verbliebenen Niederwälder zu erhalten oder sogar auszuweiten, auch als Lieferant für Brennholz als nachwachsendem Rohstoff – erst Recht bei steigenden Kosten für Öl, Gas und Strom.

Erstabdruck: Wald, Wild und Waldbetriebsarten. In: LZ Rheinland, Ausgabe 32/2012, S. 42-43

Mit freundlicher Genehmigung der Radaktion LZ-Rheinland.

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